Ivan Weiss, Michael Kryenbühl

Jun 16 –
Jul 17 2014

The graphic design studio Johnson Kingston teamed up with two literature experts to do a in-depth research about the pros and cons of the e-book. This lead to the publication “These Ain’t No Books” the following year.

Supported by Berner Designstiftung



Publication “These Ain’t No Books”, 2015

Blogpost Archive:

Digital ist besser

Jun 18 2014

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Uns liegen Bücher am Herzen. Hauptsächlich analoge Bücher und ihre mannigfachen, wunderbaren Eigenschaften. Da das digitale Pendant noch weit davon entfernt ist, eine ähnliche Faszination auszulösen, geschweige denn sein Potenzial auszuschöpfen, machen wir uns auf die Suche nach neuen Formen von E-Books, die gelesen werden wollen. Es soll nicht darum gehen, alle möglichen Medien in ein Produkt zu verpacken, sondern bewusst die Qualitäten eines Textes heraus zu arbeiten und formal zu unterstützen. «[D]as Buch wird immer das bessere Buch sein», aber möglicherweise lässt sich ein ähnlich gutes Buch auch digital realisieren.
(Christine Grond-Rigler, Der literarische Text als Buch und E-Book.
In: Grond-Rigler/Straub Literatur und Digitalisierung. De Gruyter, 2013)

Es spricht einiges dafür, dass ein Teil der Bücher in Zukunft nur noch digital erscheinen wird. Dies zu bedauern erscheint uns als nicht der richtige Weg, denn es eröffnen sich sowohl auf der Ebene des Inhalts wie auch der Form Möglichkeiten, die genutzt werden müssen. Der Vergleich mit der Rezeption neuer Technologien in der Vergangenheit drängt sich auf: «That’s an amazing invention» lobte US-Präsident Rutherford B. Hayes 1876 das Telefon, «but who would ever want to use one of them?»

(Kathrin Passig, Standardsituationen der Technologiekritik. Suhrkamp 2013)

An Negativbeispielen mangelt es nicht. Wagt man den Vergleich auf der Ebene der Benutzerfreundlichkeit, der Lesbarkeit bis hin zur Detailtypografie mit dem traditionellen gedruckten Buch ist das Resultat sehr ernüchternd. Es scheint fast, als hätte sich nie ein Gestalter mit dem neuen Medium auseinander gesetzt.

Unsere Untersuchungen werden sich dabei nicht ausschliesslich auf ein Endprodukt beschränken, sondern auch den Produktionsprozess thematisieren.

Ivan Weiss / Michael Kryenbühl
Grafiker
(www.johnsonkingston.ch)

Lejla Sukaj
Soziologin und Literaturveranstalterin
(Literaare, Büchertram Buchowski)

Jan Dutoit
Osteuropahistoriker

9 Thesen warum ein Grossteil der Bücher in Zukunft digital sein wird

Jun 20 2014

(obwohl wir das nicht lustig finden)

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1. Weil alle heutigen technischen Mängel bei digitalen Büchern früher oder später behoben sein werden. (Und es der Mehrheit der Leser bei Büchern nicht um das gestaltete Objekt, sondern um den Inhalt geht).

 

2. Weil alle anderen Inhalte digital vertrieben und konsumiert werden, kann nicht verlangt werden, dass für Text ein spezielles Träger-Medium verwendet wird. Musik ist digital, Bilder sind digital, Filme sind digital.

 

3. Weil neben linearen Erzählstrukturen (z. B. Romane) auch simultane Netzstrukturen (z. B. Inhalte aus dem Internet) abbildbar sind. Lineare Strukturen können zwar gut in analogen Büchern abgebildet werden – in digitalen Büchern aber genauso.

 

4. Weil Inhalte einfach erweiterbar, diskutierbar und durchsuchbar sind.

 

5. Weil bewegte Bilder abbildbar sind und bewegte Bilder bei der Vermittlung von Inhalten eine wichtige Rolle spielen.

 

6. Weil sie ökologischer sind.

 

7. Weil sie immer und überall verfügbar sind.

 

8. Weil die meisten analogen Bücher die vielgelobten Qualitäten von analogen Büchern nicht aufweisen. 95% der Bücher sind schlecht gemacht. Es ist weder optisch, haptisch noch emotional ein Verlust, diese nicht in den Händen halten zu können.

 

9. Weil durch sie kleine und unabhängige Verlage neue Möglichkeiten zur Veröffentlichung von Inhalten haben, wie dies beispielsweise bereits im Musikbereich mit myspace geschehen ist.

 

10. Weil Bibliophile trotzdem Bücher drucken können und werden und das sorgfältig gemachte Buch dadurch eine Wertsteigerung erhält. Als handfester, emotionaler Kontrast zum abstrakten mp3-Format konnte sich Vinyl ein zweites Mal etablieren.

 

Frei nach Klaus Ceynowa «Der Text ist tot. Es lebe das Wissen!»
In: Hohe Luft 1/2014: Philosophie-Zeitschrift

 

 

Good Morning, Future!

Jun 20 2014

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La misère digitale

Jun 26 2014

«Ob für e-reader, Tablets oder neue Hardware-Hybriden – es ist an der Zeit, dass das Gestalten von elektronischen Büchern eine Sache der Gestalter wird und nicht den Software-Ingenieuren überlassen bleibt!»
Jan Middendorp, buchreport.spezial Herstellung & Management, 2013

 

Im Rahmen unserer Recherche bestätigte sich der Verdacht, dass der grösste Teil der digitalen Bücher erhebliche gestalterische – sowie zum Teil konzeptionelle – Mängel aufweist. Innovationen sind selten anzutreffen und imitieren zumeist das gedruckte Buch auf nachlässige Art und Weise, ohne aber den Jahrhunderte alten Traditionen zeitgemäss Rechnung zu tragen. Dieses Phänomen ist quer durch alle Genres anzutreffen und zeigt sich nicht nur bei gratis zugänglichen digitalen Kiosk-Romanen. Vermag ein E-Book ausnahmsweise auch gestalterisch zu überzeugen, ist es in den meisten Fällen eine simple pdf-Version des gedruckten Buches.

 

Es scheint fast, als hätten die Macher ihr Werk vor der Veröffentlichung nie richtig angeschaut. Man ist wohl schon froh darüber, dass es überhaupt funktioniert. So treten die gestalterischen Ansprüche vermehrt aus dem Fokus. Zudem führt möglicherweise auch der Umstand zur Vernachlässigung der Gestaltung, dass die meisten Reader viele Optionen zur Veränderung des Textbildes nach eigenem Gutdünken anbieten. Unserer Meinung nach sollte sich ein E-Book zumindest bei der ersten Ansicht in einem überzeugenden, bewusst gesetzten Layout präsentieren. Gut möglich, dass dadurch das Bedürfnis nach Veränderung von Schriftart, Textgrösse und Seitenrändern auf Seiten des Lesers gar nicht mehr aufkommen würde. Denn welcher Leser mag sein Buch schon selber gestalten, wenn er es doch eigentlich lesen möchte?

 

Nachfolgend einige Beispielseiten aus kommerziell vertriebenen E-Books unterschiedlicher Verlage und Themenfeldern.

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Das Wort zum Sonntag

Jun 29 2014

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Die Philologin und Anglizistin Christine Grond-Rigler formuliert in der Einleitung zum Buch «Literatur und Digitalisierung» sehr präzise Gedanken zur Veränderung, die das digitale Buch mit sich bringt:

 

«Mit den technischen Möglichkeiten der Digitalisierung gehen Veränderungen im Bereich der Produktion, der Verbreitung und der Rezeption von Literatur einher, die oft als kulturelle Revolution empfunden werden. […] In einem Szenario des Umsturzes sind Vorurteile und Befürchtungen oft wirksamer als sachliche Analysen.»

«Neben der Begeisterung für die neue Technologie hat sich mit der Möglichkeit, Literatur [und Bücher allgemein] ohne Papier zu verbreiten, eine kulturkonservative Gegnerschaft gebildet, die durch das Verschwinden des gedruckten Buches nicht nur qualitative Ansprüche an die Literatur, sondern neben sprachlichen auch kognitive Kompetenzen und somit Kultur und Bildung allgemein gefährdet sieht. Im Zuge dieser Auseinandersetzung wurde das Buch zu einem Kultobjekt stilisiert, zu einem Symbol für das Gute an unserer Zivilisation erklärt.»

«Seit Beginn der 2000er Jahre hat sich […] die Bibliophilie zu einer kulturellen Mode mit Nostalgie-Charakter entwickelt. Die Begeisterung für das Buch wurde durch seine vermeintliche Gefährdung erheblich verstärkt, um nun mit grosser Emphase zelebriert und sentimental verklärt zu werden.»

«Ein weiteres Symptom der grassierenden Bibliophilie sind die Wettbewerbe um die «schönsten Bücher» in Deutschland, Österreich, Niederlande und der Schweiz. […] Die Auswahlkriterien sind […] ähnlich formuliert und darauf abgestimmt, eine anspruchsvolle Kultur des Buchdrucks zu fördern und zu erhalten. Bezeichnend ist, dass diese Förderung des Buches […] als Auftrag höherer Ordnung, also der Regierungen und Verwaltungseinrichtungen betrachtet wird.»

«Das von Händlern, Verlagen und Kulturpessimisten genährte Lob des Buches fördert die Obsession für ein Objekt, die nicht unbedingt mit einer Obsession für die Literatur gleichzusetzen ist. Als Hauptargument gegen das E-Book wird jedenfalls die für den Vorgang des Lesens so ungewohnte Materialität des Trägermediums genannt, die gerne als «fehlende Haptik» beschrieben wird. […] In seiner Materialisierung als Buch kann ein Werk den Charakter eines «Originals» annehmen, da es Gebrauchsspuren aufweist, einem sichtbaren Alterungsprozess unterliegt, eine eigene Geschichte hat, die jedes Exemplar vom anderen unterscheidet. […] Sämtliche Kriterien, die ein Buch aus bibliophiler Sicht wertvoll erscheinen lassen, betreffen jedenfalls seinen Objektcharakter und nicht die Integrität des literarischen Werkes als Text [oder den Inhalt im Allgemeinen].»

Christine Grond-Rigler und Wolfgang Straub (Hrsg.), Literatur und Digitalisierung. De Gruyter 2013.

Ciao, grazie!

Jul 7 2014

JOHNSONKINGSTON-06 Die drei Wochen Aufenthalt in der Sasso Residency haben es uns ermöglicht, eine bisschen Licht ins Dunkel des E-Book Dickichts zu bringen. Wir haben diskutiert, recherchiert und konzipiert. Wir haben erste Schritte für eine zweisprachige E-Publikation in Zusammenarbeit mit einem deutsch-kroatischen Übersetzerteam in die Wege geleitet. Wir haben versucht, E-Books neu zu denken und optimierte digitale Leseformen zu entwickeln. Wir haben entworfen, programmiert und Schriften gezeichnet. Und wir haben gemerkt, dass das digitale Lesen dem analogen mehr als nur das Wasser reichen kann.

Zu sehen sein wird das Ganze an der nächsten Ausstellung der Berner Designstiftung «Bestform» im kommenden April in Bern.